Exkursion des PGW-Reli-Profils S2: Glaube und Freiheit

Am Montag, den 18.06. waren wir in der Aula des Gymnasiums und der Stadtteilschule Finkenwerder, wohin wir zu einem Religionsgespräch mit dem Thema „Glaube und Freiheit“ eingeladen waren, um über die Freiheit im Glauben zu diskutieren und uns auszutauschen.

Wie auch beim letzten Religionsgespräch gab es religionskundige Gäste, die viel aus eigener Erfahrung berichteten und uns ihre Sicht darstellten, um dem Publikum eventuell etwas mit auf den Weg geben zu können. Diese Gäste auf dem Podium waren Imam Seyit Temur, Professor Dr. Ephraim Meir und Pastor Torsten Krause.

Zu Beginn der Veranstaltung gaben drei Schülerinnen aus dem S2 ihr Statement ab. Eine Schülerin fand, dass Ramadan sowohl eine schöne Zeit als auch eine schlechte Zeit ist, denn es gibt Menschen, die sich eher verpflichtet fühlen, den Regeln nachzugehen, was nicht der Sinn von Ramadan ist. Andere hingegen empfinden diese Zeit als Segen, was zeigt, dass Freiheit für jede Person ganz individuell ist. Eine zweite Schülerin erzählte, dass die Linie zwischen Freiheit und Zwang sehr schmal ist. Sie selbst strebt eine bewusste Einhaltung und den Verzicht auf bestimmte Dinge an, wobei sie dies nicht als Schaden empfindet, sondern sich frei fühlt. Die dritte Schülerin sagte, dass Freiheit dort aufhört, wo Zwang beginnt und das Ausleben einer Religion sollte sich nach Freiheit anfühlen. Zu viel Freiheit sei aber auch nicht gut.

Der zweite Teil des Abendprogramms begann mit einigen Fragen, über die wir kurz im Plenum miteinander sprachen. Nach einigen Minuten äußerten sich dann auch die drei Religionskundigen auf dem Podium zu diesen Fragen. Eine der Fragen lautete: „Christlich sein oder muslimisch sein/jüdisch sein: Was ist leichter? Was ist anspruchsvoller?“, woraufhin Schüler sagte, das wichtigste sei, dass man an Gott glaubt und diese Beziehung zwischen Gott und einem selbst geheim wäre. Man könne seine Religion deswegen auch aus Überzeugung ändern. Eine weitere Äußerung aus dem Publikum besagte, dass einige der Fragen in Vorurteilen verhaftet seien und dass mehr Wert auf Gemeinsamkeiten und Verbindungen gelegt werden sollte, nicht so sehr auf Differenzen.

Anschließend äußerten sich auch die Gäste zu den Fragen. Der Imam erklärte, dass jede Religion Richtlinien und Regeln hat. Im Islam gilt, dass man nur an einen Gott glaubt und dass jeder Mensch – gläubig oder nicht – vor Gott gleichgestellt ist. Es gibt keinen Zwang, denn ein Mensch muss sich ganz individuell vor Gott aussprechen. Regeln und Bräuche sind für unsere eigene Gesundheit und für unseren Beitrag zu Gott da, weswegen wir sie einhalten sollten. Aber man soll keinem Moslem vorschreiben, wie er seinen Glauben auslebt. Derjenige soll einfach ehrlich und aufrecht sein, keine Lügen erzählen oder schlecht im Inneren sein. Menschen zu betrügen gilt im Islam als verboten („haram“), denn solche Dinge sind schlecht für einen selbst und für die Mitmenschen. Es besteht im Islam keine endlose Freiheit, sie hört da auf, wo man andere in ihrer Freiheit einschränkt. Freiheit bedeutet, von sich aus freiwillig und unvoreingenommen zu handeln. Jede Religion wurde geschaffen um die Menschen glücklich zu machen. Es gibt in jeder Religion „schwarze Schafe“, die das Bild einer Religion leider auch prägen. Die tiefe Hingabe zum Glauben entsteht nicht durch Zwang, denn Glaube ist freiwillig.

Prof. Meir erklärte, dass es ein breites Spektrum an religiösen Haltungen gibt und dass das Gesetz nicht im Gegensatz zur Freiheit im Judentum steht. Es ist vielmehr eine „schwierige Freiheit“. Das höchste Gebot lautet: „Liebe deinen Gott mit allem, was du hast.“ Daraus ergibt sich die Nächstenliebe und alle anderen Gebote sind darauf bezogen. Juden lieben ihr Gesetz, weil es geprägt von Liebe ist („Liebe zur Thora“). Außerdem ist das Gesetz nur ein Teil der Thora. Gott ist nach jüdischer Auffassung sowohl barmherzig als auch ein König. Er liebt wie ein Vater, aber gibt auch Gesetze. Liebe und Gesetz gehen zusammen. Die Akzeptanz und die Einhaltung von Einschränkungen ist der Weg zur Liebe des jüdischen Gesetzes.
Der Pastor vertrat die Meinung, dass die Menschen nicht dafür da sind, Gesetze einzuhalten, sondern dass die Gesetze für den Menschen gemacht sind. Die Freiheit zur Gottesbeziehung ist für ihn am wichtigsten. Gott fordert nicht Angst und Respekt, sondern Liebe, denn er ist ein verzeihender Gott. Im christlichen Glauben geht es darum, verschiedene Blickwinkel zu betrachten. Jeder ist gleich, das eigene Verhalten ist begründet durch Gottes Geist. Es geht nicht um Gewalt oder Überlegenheit, sondern einzig und allein um Liebe. Sie siegt über alles, was da ist. Aber diese sichtbar zu machen ist schwierig. Die wichtigste Regel ist die „Goldene Regel“: Verhalte dich so gegenüber anderen wie auch du von ihnen behandelt werden möchtest.

Nachdem die drei Religionskundigen ihre Sichtweisen dargelegt hatten, diskutierten sie gemeinsam über ihre Darlegungen. Der Imam sagte, dass alle die Freiheit gemeinsam haben. Der Professor erklärte daraufhin, dass wir in den Unterschieden verbunden sind und fragte: „Was ist passiert, dass wir so wenig voneinander gelernt haben?“. Im Islam ist Gott barmherzig, im Christentum liebend, und im Judentum ist er Vater und Gesetzgeber. Jesus hat kein Gesetz gebrochen. Der Professor wünschte sich ein wenig mehr Einhaltung von Regeln, um die Identitätsformung zu erleichtern. Pastor Krause erzählte, dass im Christentum die persönliche Freiheit am schwierigsten und sehr individuell ist, abgesehen davon, wie die Religion im Elternhaus vermittelt wird. Die Gesellschaft prägt die Religion ebenso. Hierzu erwähnte der Professor noch, dass die Gebote vielleicht kein Reiseführer sind, aber eine Mappe, mit der man auf der sicheren Seite ist. Sie dient der Orientierung. Es kommt nicht nur auf die Intention an, es ist nicht immer wichtig, was man will, sondern was man ist. Die Religion dient zur Organisation und zur Umsetzung dieser Zustände.

Anschließend wurden Fragen aus dem Publikum an die jeweiligen Gäste gestellt. Die erste Frage ging an den Imam: „Braucht es eine Religion, um für das Wohlbefinden der Gesellschaft zu sorgen? Muss das nicht von den Menschen kommen?“ Woraufhin er antwortete, Religion ist wie ein Leitfaden, ein Gegenbeispiel ist ein Staat ohne Gesetze. Es wird niemals so sein, dass Menschen von sich aus gute Regeln erfinden und einhalten, denn jeder Mensch ist anders. Eine andere Antwort kam vom Professor: Wenn sich alle an die Regeln halten, dann führt das zu einem guten Standard. Man soll Religion nicht mit Füßen treten. Die letzte Frage des Abends lautete: „Das Grundgesetz und staatliche Gesetze regeln andere Dinge als religiöse Gesetze. Wozu braucht man dann überhaupt noch religiöse Gesetze?“ Vielleicht weil Gesetze etwas ja nur dann regeln, wenn man erwischt wird, aber die religiösen Gesetze erwischen einen ja immer, weil Gott alles sieht? Der Imam antwortete: Es widerspricht sich nicht, warum sollte man die religiösen Gesetze abschaffen? Der Pastor antwortete: Ein Staat kann nicht nur mit Gesetzen existieren, sondern mit Menschen, die sie einhalten. Menschen halten diese jedoch durch eine Religion, einen Glauben oder durch ein Gefühl von Zugehörigkeit ein.

Nach dieser sehr spannenden Runde endete der Abend mit zwei Gebetsrezitationen. Der Imam rezitierte ein Gebet, welches anschließend übersetzt wurde: Töte nicht unnötig und verletze keine unschuldigen Seelen. Und der Professor sang auch ein Gebet, das er übersetzte: Danke, dass du meine Seele wiedergegeben hast und ich erneut einen Tag erleben darf.

Mit einigen abschließenden, dankbaren Worten endete dieses spannende Religionsgespräch.

Download: Plakat_Religionsgespraech_6_0618_b