Rezensionen

Großartige Dialoge und hervorragendes Schauspiel

Mutter Courage und ihre Kinder

Thalia Theater am 26.1.17

Brechts Klassiker „Mutter Courage und ihre Kinder“ wurde am Donnerstag in der Inszenierung von Philipp Becker das erste Mal aufgeführt.

Der Regisseur Philipp Becker inszenierte erstmals im Thalia Theater und dies meiner Meinung nach mit Erfolg.
Gabriela Maria Schmeide versucht in der Rolle der Anna Fierling alias „Mutter Courage“ den dreißigjährigen Krieg zu nutzen um durch Geschäfte den bestmöglichen Gewinn zu machen. Sie wies die Fähigkeit auf, sich derart gut an den Krieg anzupassen, dass es umso erschreckender wirkt, als Mutter Courage am Ende alles verliert, selbst ihre Kinder.
Die Inszenierung wirkte so simpel und einfach, dass ich es als Zuschauer als angenehm empfand dem Geschehen zu folgen. Licht und Ton wurden fließend und leicht spielerisch eingesetzt. Sie haben die Rolle der Unterstützung des Gesagtem und Gemachtem erfüllt. Die Live Musik hat mir sehr gut gefallen und das ganze Bild lebhaft gestaltet.
Gerade die schauspielerische Leistung von Lisa Hagmeister als „Katrin“ und Gabriela Maria Schmeide als „Mutter Courage“ haben mir sehr gut gefallen.
Lisa Hagmeister hat die Rolle der stummen „Katrin“ so gut vermittelt, dass ich oft das Gefühl hatte, die Schauspielerin könne wirklich nicht sprechen. Diese Verzweiflung und in sich gekehrte Art und Weise, die Katrin das ganze Stück an den Tag legte hat Lisa Hagmeister brillant gespielt. Ich hing mit meinem Blick fast die ganze Spielzeit nur an ihr und konnte mich gar nicht satt sehen.
Die schlichte Art und Weise des Bühnenbildes hat mir auch gefallen. Den Einsatz, die Drehbühne schräg zu positionieren, hat dem ganzen Bild etwas statisches verliehen.
Auch den Einsatz der fast einheitlich grauen oder sandfarbenen Kleidung passte zur Farbe des Bühnenbildes. Als Kontrast stachen einem die roten Schuhe, mit denen Katrin liebäugelte nur so ins Auge.
Plötzlich tauchten Personen auf und verschwanden wieder im Strudel der einheitlich gekleideten Menschen. Diese Art, die Charakter auf die Bühne zu holen finde ich raffiniert und es lässt alles sehr fließend wirken. Dies stand im ständigen Kontrast zu dem sehr statischen Bühnenbild.
Ich empfand die Inszenierung als fesselnd und spannend.
Und würde jedem empfehlen sie sich anzusehen.

Die Stunde da  wir nichts voneinander wussten – Rezension
Von Tessa Pereira Serrinha

Foto von Armin Smailovic
„Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ –  Ein Schauspiel, welches ohne Frage zu diversen Interpretationen einlädt. Ganz ohne Worte verschafft es einen Einblick in die Leben vieler, mit zunächst tristem Arbeitsalltag, ganz in Grau, zu der einen oder anderen bunten Tanzeinlage.
Das Stück schockt mit der Nacktheit, sowie Ehrlichkeit in seiner Analyse des Alltags – oftmals wirken die Personen am einsamsten, wenn sie in Massen auf der Bühne hin und her huschen, und am zufriedensten wenn sie die Bühne kurz für sich haben.

Die Bühne an sich war ebenfalls trotz simplen Aufbaues besonders beeindruckend, und hat hier und da zu der bedrückenden Stimmung als große graue Mauer beigetragen, um sich dann später als Tor zu entpuppen durch welches helles Licht dringt. Weniger simpel waren die Kostüme, welche in beeindruckenden Zahlen rapide gewechselt wurden.

Foto von Armin Smailovic
Ich persönlich habe mir noch lange nach Anschauen des Stückes viele Gedanken zu einzelnen Szenen gemacht, und habe hier und da ein Gefühl des Déjà-vus im Alltag Verspürt, wenn ich meinte, einzelne Rollen und Situationen in meinen Mitmenschen und meinem Umfeld wieder zu erkennen.
Ich hätte zuvor nicht gedacht, dass mir so viele Details des Stückes auch Wochen nach dem Anschauen in Erinnerung bleiben, und es mir möglich machen, weiter über ihre Bedeutung zu philosophieren.
Während des Stückes kam ich nicht umhin zu bemerken, wie viele Zuschauer den Raum verlassen haben, da sie die teilweise sehr lange andauernde Stille oder Farblosigkeit nicht ertrugen.
Wer also nicht bereit ist, über erste Eindrücke hinweg zu sehen, und mehr in das Stück hineinzuinterpretieren als das, was er zunächst sieht, ist in diesem Stück falsch.
Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, und sie befinden sich auf der Suche nach einem Stück, welches zur Deutung einläd, kann ich Ihnen „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ wärmstens empfehlen, da es Ihnen hoffentlich, genau so wie mir, noch Wochen später erschreckend genau im Gedächtnis bleibt, und somit einen lange währenden Eindruck hinterlässt.
Text: Tessa Pereira Serrinha

 

Unser Thalia-Theater-Botschafter berichtet über Lars-Ole Walburgs Inszenierung des Tennessee Williams Klassikers „Endstation Sehnsucht“

Sehnsucht

In Endstation Sehnsucht landet Blanche DuBois in New Orleans, um nach zahlreichen Rückschlägen – sie führte einst ein luxuriöses Leben und verlor alles – wieder Halt zu finden. Sie zieht bei Ihrer Schwester Stella und deren Mann Stanley ein. Dem beschaulichen Leben in der Arbeiterklasse kann Blanche jedoch nichts abgewinnen, obgleich sich ihr keine andere Wahl bietet, als nach dem Verlust von Job und Anwesen in das Leben zwischen Poker- und Bowlingabenden einzutauchen. Dieses Schicksal inszeniert der Regisseur Lars-Ole Walburg hervorragend: Neben pointieren, humorvollen Passagen zeigt er auch DuBois prekäre Situation, die sie mit exzessivem Alkoholkonsum ertränken möchte. Fasziniert war ich aber vor allem von dem Bühnenbild. Die Schauspieler bewegten sich in einer abstrakten „3D-Klötzchenwelt“. Die Lichtgestaltung folgt dem Geschehen auf der Bühne. Auch die Musik spielte hier eine große Rolle: Ein kleines Schlagzeug auf der Bühne, gespielt von den Schauspielern, unterstreicht die Stimmung einzelner Szenen. Auch die Gesangseinlagen der betrunkenen Blanche überzeugen. Aufgrund der großartige Dialoge und dem hervorragenden Schauspiel habe ich mich den Charakteren sehr nahe gefühlt. Mein Fazit: Eine der besten Inszenierungen, die ich bisher am Thalia Theater bewundern durfte.

Text: Lucas Timm (Thalia Theater Botschafter)