Religion

Das Fach Religion in der Sekundarstufe II (Klassenstufen 12/13)

Die thematische Betroffenheit der Schüler/innen ist unserer Erfahrung nach im Religionsunterricht (RU) überdurchschnittlich hoch. Deshalb ist es wichtig, dass der RU neben religionswissenschaftlichen Ansätzen auch den inner- und interreligiösen Blick bietet.

Unerlässlich für die Teilnahme am Religionsunterricht ist:

  • Toleranz / Offenheit gegenüber anderen Religionen und Positionen (Erfassen unterschiedlicher Aspekte eines Textes)
  • Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit kulturell bedingten unterschiedlichen Sichtweisen von Religion
  • Neben den allgemeinen Kompetenzen (u.a. Texte verstehen / analysieren / interpretieren, argumentieren / diskutieren, kritisches Hinterfragen der eigenen und anderer Positionen,
    begründet urteilen, präsentieren) ermöglicht der Religionsunterricht (RU) insbesondere auch affektives Lernen, indem er den Schüler/inne/n ausreichenden Raum für Folgendes bietet:

    • Nachdenken über die eigene Weltsicht / den eigenen Glauben / den Sinn des Lebens
    • Bilder / Symbole entschlüsseln, Bildersprache kommunizierbar machen
    • lernen, mit der „Wahrheitsfrage“ umzugehen (im RU findet keine Missionierung statt)

Entgegen einer häufig auch in Medien vertretenen Darstellung, im RU gehe es in erster Linie um Vermittlung von Religion, spricht man heute eher von Aneignungsprozessen, d.h. die Schüler/innen werden als eigenständige Personen gesehen, die ihre eigene
(Nicht-)Religiosität weiter entwickeln und sie auch selbst verantworten.
Die eigene Position entwickeln zu können setzt Offenheit voraus, weshalb der RU, insbesondere der „RU für alle“ in Hamburg, der nicht konfessionell orientiert ist, bereits seit langem die dialogische Begegnung fördert. Wir denken, dass die Schüler/innen so befähigt werden können, zwischen lebensfreundlichen und lebensfeindlichen Angeboten zu unterscheiden. Die Lehrkraft ist nicht als „Wahrheitsvermittler“ tätig, sondern wird die Schüler/innen einladen, sich mit interessanten / aktuellen religiösen Fragen zu beschäftigen.

Wir wünschen uns für einen interreligiösen Unterricht:

  • eine wertschätzende Herangehensweise an andere (nicht-) religiöse Auffassungen, die  über Toleranz (als Duldung verstanden) hinausgeht
  • Authentizität / Ehrlichkeit / Echtheit
  • das Entdecken möglicher Gemeinsamkeiten und das Aushalten von unterschiedlichen Auffassungen
  • die Auseinandersetzung auch mit der eigenen Religion / Position
  • Vielfalt als Normalität und Bereicherung betrachten
  • Differenzen wertschätzend zum Thema machen
  • Besuche außerschulischer Lernorte / Gotteshäuser / Tempel
  • Thematisierung von Einflüssen wie Gender, Kultur, Sprache, etc.

Religionsunterricht an der Lessing-Stadtteilschule

In Anlehnung an die Ringparabel unseres Namensgebers Gotthold Ephraim Lessing stellt sich die Frage: Was ist eine „gute Religion“ ?
Der Theologe Reinhold Bernhardt nennt wichtige Kriterien:

  • sie stellt sich umfassend dar und blendet auch Schattenseiten nicht aus
  • sie nimmt das Böse zur Kenntnis und setzt sich damit auseinander
  • sie erreicht das Herz des Menschen
  • es geht ihr nicht in erster Linie um das eigene Heil, sondern um das Heil aller
  • sie identifiziert sich nicht selbst mit der absoluten Wahrheit
  • sie ermöglicht Antworten auf die individuellen Fragen des Menschen

Der Theologe Hans Küng sagt dazu, dass nicht wahr und gut sein kann, was die Würde und das Leben des Menschen verletzt.

Der „RU für alle“ in Hamburg

In Hamburg gibt es die Besonderheit, dass Schüler/innen, wenn sie es möchten, im Wahlpflichtfach Religion gemeinsam unterrichtet werden. Das Hamburger Modell hat also den konfessionell getrennten RU hinter sich gelassen. Dafür gibt es unseres Erachtens viele gute Gründe:

  • ca. 38% sind evangelisch, ca. 10% katholisch, ca. 6% muslimisch, ca. 40% konfessionslos
  • der „RU für alle” ist eine gute Möglichkeit, andere Religionen / Konfessionen kennen zu lernen
  • die Schulzeit bleibt für viele Menschen die einzige Möglichkeit, in einen Dialog mit anderen
    Religionen / Konfessionen / Weltanschauungen zu treten
  • der RU stellt die Frage nach Gott / dem Transzendenten aus verschiedenen Perspektiven
  • der „RU für alle“ favorisiert keine bestimmte religiöse Sicht, gewährt damit einen möglichst großen Freiheitsraum
  • alle Religionsgemeinschaften, die mit dem Land Hamburg einen Staatsvertrag geschlossen haben, unterstützen den „RU für alle“ und entwickeln ihn gemeinsam weiter
  • der „RU für alle“ bietet die Möglichkeit, über Maßstäbe wie Begabung, Berufsorientierung und Nutzen hinaus zu denken und plädiert für einen umfassenden Begriff von Bildung

Das Religionsprofil an der Lessing-Stadtteilschule

Ab dem Schuljahr 2015/16 gibt es bei uns auch ein Religionsprofil. Die Schüler/innen,  die Religion im Profil belegen, haben das Fach 6 Stunden pro Woche (incl. Seminar).
Inhalte des RU in Hamburg sind nach dem Rahmenplan folgende 6 Themenbereiche:

  • Religion, Religionen und interreligiöser Dialog (T1)
  • Glaube und Wissenschaft (T2)
  • Gott und Transzendenz (T3)
  • Jesus – Christus (T4)
  • Mensch und Menschenbilder (T5)
  • Freiheit und Verantwortung (T6)

Zentralabiturthemen sind für den Durchgang 2015-17 „Jesus in den Religionen“ (T4)  und „Politik und Religion“ (T6).
Dabei werden folgende Themen im Vordergrund stehen:

Jesus in den Religionen
  • christologische Aussagen in der Bibel und im frühen Christentum
    (u.a. Unterschied historischer – kerygmatischer Jesus)
  • eine christologische Deutung in der gegenwärtigen Theologie
  • Deutung Jesu aus der Perspektive einer nicht-christlichen Religion und Vergleich mit einer christlichen Perspektive
  • auf erhöhtem Niveau im Profil zusätzlich:
    • christologische Aussagen des NT im Kontext jüdischer Messiaserwartungen
    • eine zusätzliche Jesus-Deutung im Kontext aktueller theologischer Debatten (z.B. Antijudaismus, Auseinandersetzung mit dem Islam, …)
    • Entwicklung von Ansätzen für eine eigene Deutung
    • Vergleich zwischen christologischen Entwürfen und einer anderen religiösen bzw. weltanschaulichen Deutung Jesu
Politik und Religion
  • Diskussion um die Rolle der Religion in Staat und Kultur in Deutschland an einem aktuellen Beispiel (z.B. Kirchenasyl, Beschneidung, Kruzifixe, Religionsunterricht, Gottesbezug im Grundgesetz, Stellungnahmen zu Militäreinsätzen / sozialen Fragen)
  • Luthers Zwei-Reiche-Lehre
  • eine Position zum Verhältnis von Politik und Religion aus einer nicht-christlichen Religion
  • ethische Entscheidungssituationen
  • die Möglichkeit der Instrumentalisierung von Religionen
  • auf erhöhtem Niveau zusätzlich:
    • Verhältnis von Politik und Religion in einem anderen westlichen Land und einem nicht-christlich geprägtem Land
    • Grundzüge einer Position zur politischen Theologie aus einer Religion

Exkursionen zu außerschulischen Lernorten (Bericht einer Schülerin)

Erfahrungsbericht aus der Oberstufe: „Tag der Religionen“ „Um einen Einblick in die anderen Religionen zu bekommen, haben Herr Spänhoff und seine Religionskurse im September eine Exkursion zu den Gotteshäusern unternommen.
Religion ist ein Thema, dem sich kein Mensch entziehen kann. Es fordert den Menschen auf den Sinn des Lebens zu hinterfragen und zugleich regt es diese an untereinander zu kommunizieren. Wie oft bekommen wir eine Chance unsere Fragen direkt an eine Fachperson zu stellen und nebenbei ein Gefühl für die Religion zu bekommen? Diese Chance haben die Religionskurse aus der Lessing-Stadtteilschule bekommen. An einem Tag trafen drei Religionen für die Schüler/innen aufeinander: Der Buddhismus, das Christentum und der Islam.
Zuerst wurde um 9 Uhr das Tibetische Zentrum besucht. Nach der Einführung im Garten, wurden die Schüler/innen zum buddhistischen Tempel geführt. Die Einrichtung sowohl im Garten, als auch im Tempel wirkt abgestimmt und harmonisch. Am faszinierendsten ist jedoch der Tempel, aufgrund der Schriftrollen in den Schränken, der Buddhafiguren und der warmen Farben an den Möbelstücken, wie z.B. rot, orange und gelb. Neben den Informationen über den Tempel, erhielten die Schüler/innen Kenntnisse über die Entstehung und den Grundlagen des Buddhismus: Die Entstehung ist zurückzuführen auf Siddharta Gautama, der nach seinem „Erwachen“ zum Buddha wurde. Das Ziel im Buddhismus ist zum Nirvana (bzw. zur Erleuchtung) zu gelangen. Anschließend hatten die Schüler/innen die Möglichkeit Fragen zu stellen, die offen und freundlich beantwortet wurden. Dabei wurden Themen wie die Wiedergeburt oder die Erleuchtung angesprochen.
Als nächstes besuchte der Religionskurs eine protestantische Kirche. Die große und imposante Kirche hinterlässt zum einen durch ihre Fassade, zum anderen durch die Innenarchitektur einen einzigartigen Eindruck. Durch den individuellen Lichteinfall der Buntgläser wirkt der Raum angenehm und behaglich. Hier sprach die Pastorin über den Protestantismus, eine Glaubensbewegung, die aus der kirchlichen Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen ist und erläuterte nebenbei verschiedene Gegenstände und Angebote der Kirche, wie z.B. das Schaf auf dem Kreuz. Während der Fragerunde kamen die Unterschiede zwischen dem katholischen und dem protestantischen Glauben hervor, wie z.B. die Möglichkeit einer Frau im Amt als Pastorin tätig zu sein.
Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln machten sich die Schüler/innen auf den Weg zum letzten Gotteshaus: Merkez Camii Zentralmoschee. Hier wurden die Schüler/innen zu den Gebetsräumen geführt, die mit einem Teppich ausgelegt sind. Anschließend hat der Imam den Gebetsraum mit seinen Besonderheiten vorgestellt: die Gebetsnische, den Minbar und das Minarett. Nebenbei vermittelte der Imam Grundwissen sowie Grundsätze des Islam, wie z.B. die Rolle des Gebets. Um den Islam näher zu erläutern, nutzte er ebenfalls eine Kiste mit Gegenständen. So konnte der Imam anhand eines Modells die Qibla (die Gebetsrichtung) erklären, die vom Qur’an vorgeschrieben ist. Während der Fragerunde wurden der Qur’an (das heilige Buch der Muslime) und die Gebetszeiten angesprochen.
Nachdem Besuch der letzten Gebetsstätte haben sich die Schüler/innen voneinander verabschiedet, um sich auf den Weg nach Hause zu begeben. Gemeinsam haben sie an diesem Tag drei Gebetsstätte besucht und obwohl jeder von ihnen diesen Tag aus seiner eigenen Perspektive erlebt hat, gehen sie alle mit einer einzigartigen Erfahrung der Religionen und neuem Wissen nach Hause.“

Übersicht über die Lerninhalte 2015-17 (Abitur 2017)

Rahmenplan Religion Themenbereiche im Profil gebenden Fach (Profil Glaube und Wirklichkeit)